Text Biography

„Weltenwanderer“
Galerie und Straße, abstrakt und konkret- Wow123 verbindet auf erfrischend unkonventionelle Weise verschiedene Welten

Betrachtet man die Arbeiten von Wow123, der im alltäglichen Leben Markus Genesius heißt, so fallen zwei Dinge zuerst auf: das spielerische Kombinieren figurativer Elemente mit denen des klassischen Stylewriting und das wiederkehrende Motiv des Fernsehtestbilds, welches mittlerweile zu seinem internationalen Erkennungszeichen geworden ist.

Für Laien scheint der Mix aus Fotorealismus und Comic-Style eine typische Ausprägung des Graffiti zu sein, in Wirklichkeit war es aber ein langer Weg dorthin, den Wow123 als einer der ersten beschritten hat und damit die stilistische Fortentwicklung der deutschen Graffitilandschaft entscheidend prägte. Als die deutsche Sprayerszene Anfang der 1990er Jahre mit der Ausgestaltung von Schriftzügen, dem sogenannten Writing, befasst war und den großen Vorbildern aus den USA nacheiferte, experimentierte Wow123 entgegen des Trends mit fotorealistischen Motiven, die er mit flächig-abstrakten Comicelementen durchsetzte. Damit brach der Neuling der Szene, dessen erste Graffiti-Arbeiten 1988 entstanden, früh mit den Normen und Vorstellungen der Community und erntete gerade in der Gründungsphase der deutschen Graffitiszene auch Kritik. Unbeirrt davon experimentierte er weiter, immer auf der Suche nach neuen Mitteln der Bildsprache und angetrieben von der Motivation, die Grenzen und Möglichkeiten des Sprühens mit Farbe auszuloten. „All I wanna do is paint!“ war schon damals sein Motto, und das ist bis heute so geblieben. Nachdem er bei einer nächtlichen Sprühaktion an einem Zug erwischt worden war, entschied er sich früh für legale Projekte, suchte den internationalen Austausch mit anderen Sprayern und wurde zu einer wichtigen Schnittstelle der Szene, national wie international. Nach einer kaufmännischen Ausbildung und dem Besuch der Fachoberschule für Gestaltung in Bremen ging er 1995 nach New York, um dort die Urväter des Stylewriting zu treffen wie SEEN, T-Kid und die TAT’s- Crew, die sein klassisches Writing stark beeinflussten und sein Bewusstsein für Typographie entscheidend prägten. Weitere Kooperationen, unter anderem in Paris, London,  Sydney und Kapstadt folgten.
Mittlerweile kann der 1974 in Bremen geborene Künstler auf über 100 Projekte und Arbeitsreisen in 29 Ländern zurückblicken. Er zählt zusammen mit Künstlern und gleichzeitig Weggefährten wie DAIM, Daniel Man, Atom, Kent und Flying Förtress zur zweiten Generation der deutschen Gründerväter des Graffiti. Mit seinem unkonventionellen Stilmix aus figurativen Motiven und klassischem Writing erfüllt er zudem nach wie vor eine wichtige Vorreiterfunktion innerhalb der internationalen Szene und ist regelmäßig vertreten in den bekannten Graffiti-Magazinen der Szene.

Als er 2010 sein Atelier in der Künstlergemeinschaft Plantage9 in Bremen bezog, stellten ihn die leeren Leinwände dann vor eine ganz neue Herausforderung, denn die Motive der Straße, die er großformatig auf Hauswände gesprüht hatte, waren nicht ohne Weiteres auf das Format der Leinwand übertragbar; sie wirkten dort auf ihn wie ein Vogel in einem zu kleinen Käfig. Ihnen fehlten die Energie und die Kraft, die sie normalerweise im Kontext des öffentlichen Raums entfalteten. Auf der Suche nach neuen Motiven landete er schließlich beim alten Fernsehtestbild. Als Kind der Achtziger ein ihm noch vertrautes Symbol, das er in seine grafischen Elemente zerlegt und mit der Formensprache des Graffiti zu immer neuen Motiven zusammensetzt. So gesehen schließt sich hier wieder der Kreis zur ehemaligen Straßenkunst, denn mit dem Motiv des Testbildes erhebt er etwas eigentlich nicht Sehenswertes mit seiner ihm besonderen Ästhetik zur Kunst. Die Verbindung mit Elementen des Graffiti gibt dem aus dem Fernsehen seit Einführung des 24-Stunden-Programms verschwundem Symbol eine zeitgemäße Note und scheint der täglichen medialen Reizüberflutung zugleich eine Sendepause zu verordnen. Und dabei bleibt es nicht bei der zweidimensionalen Leinwand, denn anders als auf der Straße lässt sich im Atelier auch mit der plastischen Überlagerung von Flächen arbeiten. Ein großformatiges Relief aus Holz, das die Fragmentierung des Testbildes ins Räumliche erweitert, ist eine seiner neuesten Arbeiten.

Dennoch bleibt die Straße auch weiterhin wichtiger Dreh- und Angelpunkt für sein Tun. Zwar findet er das Experimentieren mit Öl und Acryl im Atelier fernab der Straße spannend, da es neue Möglichkeiten des Ausdrucks bietet, ganz der Spraydose entsagen möchte er aber nicht. Denn die Arbeit unter freiem Himmel mit direktem Feedback von Passanten und Anwohnern ist eben eine ganz eigene Art, Kunst zu machen. Und gerade das Pendeln zwischen so gegensätzlichen Orten künstlerischen Schaffens wie der Straße und dem Atelier erfordert eine nicht unbeachtliche künstlerische Flexibilität und hat eine befruchtende Wirkung auf seine Arbeit. Dabei stellt der Wechsel der Formate und räumlichen Kontexte Wow123 immer wieder vor neue Herausforderungen, denen er mit großer Unvoreingenommenheit gegenüber der Fläche und spielerischem Experimentieren begegnet. Man darf gespannt sein, wohin ihn das noch führen wird. Langeweile ist jedenfalls nicht so schnell zu erwarten.

von Miriam Moch

TRANSLATIONS: WORK IN PROGRESS!